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Ibbenbüren - Wahrheit ist eine bittere Medizin

Gesellschaftsdrama zieht Zuschauer in den Bann

Einen bewegenden und spannenden Theaterabend erlebten am Mittwoch etwa 160 Zuschauer im Bürgerhaus. Das hervorragende Ensemble der Theatergastspiele Fürth feierte in Ibbenbüren die Premiere einer Bühnenfassung des 1938 erschienenen Romans "Ungeduld des Herzens" von Stefan Zweig (1881-1942).

Der Regisseur und Theaterautor Thomas Jonigk hat die Dramatik der Romanvorlage in einem kammerspielartigen Bühnenstück eingefangen, das die Besucher von der ersten Minute an faszinierte. Mit der von ihm ersonnenen Figur der Frau Engelmayer (Adela Florow) hat er zudem ein Orakel eingefügt, dessen Vorhersagen und zynischen Kommentare von beklemmender Eindringlichkeit waren.

Zweig stellt die Tragödie des Einzelnen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang.

Die Handlung spielt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, bietet jedoch ausreichend Stoff zum Nachdenken über aktuelle welthistorische Entwicklungen.

Der junge Kavallerieoffizier Anton Hofmaler - von Benjamin Krüger brillant gespielt - wird zu einer Abendgesellschaft ins Schloss des Herrn Lajos von Kékesfalva (Giovanni Arvaneh) eingeladen. Im Überschwang begeht er einen folgenschweren Fehler, der nicht nur ihn ins Unglück stürzt. Er übersieht die Krücken hinter dem Stuhl der hübschen Tochter des Hauses (Anne-Catrin Märzke) und fordert sie zum Tanz auf. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Um seinen Fauxpas wiedergutzumachen, schickt er Edith Blumen und wird daraufhin zum Tee eingeladen. Er genießt die Aufmerksamkeit, merkt jedoch zu spät, dass die junge Frau sich ernsthaft in ihn verliebt hat. Ein Gutenachtkuss öffnet ihm die Augen. Bald verirrt er sich in seinen widerstreitenden Gefühlen, denn wahre Liebe kann er für den "reichen Krüppel" (Zweig) nicht empfinden. Doktor Condor, der Arzt des Mädchens (Christopher Neris) tadelt ihn für das "schwachmutige und sentimentale Mitleid, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist". Als Edith sich das Leben nimmt, flüchtet Hofmaler in den Krieg, um seine Schuld zu sühnen.

Die intensive Rollengestaltung und die großartige Sprachkultur der Schauspieler begeistern das Publikum, das atemlos dem Geschehen folgte.

Bestürzend waren die Szenen, in denen Edith sich mit Krücken durch den Raum quälte und hoffendes Glück in ihrem Gesicht aufschien, ehe sie schreiend wieder in ihre freudlose Existenz zurückfiel. Anne-Catrin Märzke spielte das wütende Aufbegehren mit großer Vehemenz und körperlicher Präsenz. Ihr Vater konnte die Verzweiflung über die geringen Heilungschancen nicht verbergen, während es seiner Nichte Ilona (Maria Kempken) gefiel, den feschen Leutnant heimlich zu verführen.

Regisseur Thomas Rohmer hat die einzelnen Szenen mit ideenreichen Regieeinfällen zu einem dichten Netz aus Mitleid, Schwäche, Schuldbewusstsein und Verantwortung verwoben. Durch die grandiosen Filme im Hintergrund wurde ein Bühnenbild fast völlig verzichtbar. Die fein abgestimmten Musikeinblendungen unterstrichen die Dramatik der Ereignisse. Nach minutenlangem Beifall im Stehen waren die Zuschauer noch zu einem Premierengespräch ins Foyer des Bürgerhauses eingeladen. Dr. Jens Peters, Kulturmanager der Stadt Ibbenbüren, würdigte das fantastische Ensemble und dankte den Schauspielern für das beeindruckende Theatererlebnis. Wahrhaftigkeit sei eine Tugend, über die es sich in der heutigen Zeit nachzudenken lohnte."

IVZ, Brigitte Striehn, 26.11.2021

Ibbenbüren - Hochdramatisch: "Ungeduld des Herzens" auf Tour

"Der britisch-österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat nur einen einzigen Roman zu Ende geschrieben: „Ungeduld des Herzens“. Darin setzt er sich mit der Frage auseinander, was wahres Mitleid ist und wie schwierig es ist, wirklich mit einem anderen Menschen zu leiden. Die Theatergastspiele Fürth schicken diese Geschichte jetzt als hochdramatische Schauspielproduktion in einer Fassung von Thomas Jonigk, inszeniert von Thomas Rohmer, auf Tournee.

Für die Bühnenbearbeitung von „Ungeduld des Herzens“ hat Thomas Jonigk den Zweig-Roman behutsam bearbeitet, konnte viele Dialoge übernehmen, hat die Story aber auch verdichtet, indem er Charaktere gestrichen und einen neu erfunden hat. Dabei verleugnet er niemals den Geist der Vorlage. Das Stück erzählt davon, wie im Jahr 1914, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der junge Leutnant Hofmiller auf das Schloss von Lajos von Kekesfalva eingeladen wird, dort auf dessen beinlahme Tochter Edith trifft, sie dummerweise zum Tanz auffordert, sich bei ihr entschuldigt und sie fortan täglich besucht, sich von ihr anhimmeln und beschimpfen lässt. Hofmiller entwickelt Mitleid für das Mädchen, verlobt sich mit Edith und verleugnet die Verlobung öffentlich, so dass es zur Katastrophe kommt.

Kreativkopf hinter diesem Schauspiel ist Thomas Rohmer, der nicht nur Leiter der Theatergastspiele Fürth ist, sondern auch in Personalunion für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet. So wirkt alles wie aus einem Guss. Die Kostüme spiegeln einerseits das frühe 20. Jahrhundert wider, nehmen aber teilweise auch Anleihen an der Mode der Gegenwart. Das Bühnenbild besteht aus einem schwarz-weiß gekachelten Bühnenboden und einer zentralen Wand, die sehr stimmungsvolle Bild- und Videoprojektionen zeigt. Ergänzt wird alles durch einzelne Möbelstücke.

Nun ist die Gefahr groß, dass die bei Tourneeproduktionen sehr gern eingesetzten Projektionen billig und herkömmlich wirken. Nicht so jedoch bei „Ungeduld des Herzens“. Werden auf der zentralen Wand einerseits sehr hochwertige und authentische Fotos gezeigt, die das Publikum in das Schloss Kekesfalva mitnehmen, sind es andererseits vor allem die Videoeinspielungen, die der Story und insbesondere dem Hauptcharakter der Edith eine zusätzliche Tiefe verleihen. Wenn Edith im Vordergrund auf einem barocken Stuhl sitzt und vom Tanzen träumt, ist sie es, die „lahme Schöne“, die im Video auf der rückwärtigen Wand tanzt. Der Effekt ist so einfach wie genial und lebt vor allem von der hohen Qualität der Videoeinspielungen.

Thomas Rohmer lässt seinen drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern vor der Videowand glücklicherweise ausreichend Platz zur Rollengestaltung und -entfaltung. Allen voran ist es hierbei Anne-Catrin Märzke, die als Edith die größte Bürde zu tragen hat, was ihr ausgezeichnet gelingt. Großartig balanciert sie zwischen Ediths Gefühlen und Gefühlsausbrüchen, ist mal liebenswürdig und sympathisch, dann wieder störrisch und schrill. Weil Edith – abgesehen von wenigen Gehversuchen – nur auf einem Stuhl sitzt oder auf dem Boden liegt, ist die Herausforderung, diesen Charakter besonders durch Mimik zu formen, was Märzke außerordentlich authentisch und emotional vollzieht.

Benjamin Krüger ist als Hofmiller ein willenloser Getriebener zwischen soldatischem Drill und heftigen Gefühlen. Glaubwürdig spielt er die Zerrissenheit zwischen aufopferungsvollem Mitleid für Edith und ehrlicher Liebe für deren Cousine Ilona, der die fantastische Maria Kempken ein starkes Profil verleiht. In der Rolle der Frau Engelmayer führt Adela Florow exzellent als eine Art Conferencier durch die Geschichte, ist eigentlich Hausdame im Schloss, aber durchbricht immer wieder die vierte Wand, um sich direkt ans Publikum zu wenden. Christopher Neris gibt einen energischen Doktor Condor und Giovanni Arvaneh mimt als Lajos von Kekesfalva eine alternde, langsam verzweifelnde Persönlichkeit von Format.

„Gott sei Dank, ich brauch euch alle nicht. Ich werde schon selber fertig mit mir. Und wenn’s nicht weitergeht, dann weiß ich schon, wie ich loskomme von euch“, sagt die egozentrische Heldin Edith. Allein diese versteckte Drohung macht deutlich, welch ein dramatischer Stoff mit hochdramatischen Charakteren „Ungeduld des Herzens“ ist. So dramatisch wie der Roman, ist auch die Bühnenfassung unter der Regie von Thomas Rohmer ausgefallen. Fesselnd von Anfang bis zum Schuss und definitiv sehenswert!"

Kulturfeder.de, Dominik Lapp, 29.11.2021